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Magischer Realismus



Lange bevor Gabriel Garcia Márquez den magischen Realismus erfand, lernte ich ihn durch Germán Mejia kennen. Germán und ich waren Bundesbrüder in einer nicht-schlagenden Verbindung in einer kleinen süddeutschen Universitätsstadt. Germán studierte Medizin oder zumindest tat er so. Er kam aus Kolumbien aus wohlhabenden Verhältnissen, wie sich an seinem weissen Kabriolet erkennen liess, das ihn damals — gegen Mitte der fünfziger Jahre — als Top-Playboy des Städtchens auszeichnete.

Was, um Himmels Willen, bringt Dich in dieses Kaff, fragte ich ihn. "Ich muss endlich studieren! Ich war zuerst in Havanna: unglaublich, was da los war!" Germán schwärmte vom Havanna der letzten Batista-Zeit, der Welthauptstadt des Amüsements bevor Fidel Castro die Lichter ausblies. Dann Madrid. Aber in Madrid fand Germán auch keine Zeit für das Studium. Nun also Deutschland. "Mein Vater ist Kaffee-Pflanzer. Er hat eine hohe Meinung von Deutschland". Aber warum ausgerechnet Medizin?

"Ach, die Medizin interessiert mich wenig. Ich will deutsche Organisationskunst lernen, deutsche Systematik." Und was willst Du damit? "Ich werde sie brauchen, wenn ich zurückkehre in meine Heimat und Diktator von Kolumbien werde". Aha! Germán erzählte von der Politik seines Landes, dem Wechselspiel von Conservadores und Liberales, von seiner Heimatstadt Popayán, deren grosser Tag 1926 gewesen ist, als die Eisenbahnstrecke von Calí durch das Cauca-Tal fertig war und die Honoratioren sich vor dem zweistöckigen Bahnhof versammelten, um den ersten Zug zu begrüssen: der Bischof, der Alcalde, und unter anderen natürlich Germáns Vater. Angestrengt starrten sie in die Ferne und auf ihre Taschenuhren. Nichts. Endlich ein Indio, der auf den Schwellen heranspazierte. "Gut, dieses neue ferrocarril ,"sagte der Indio. "Es geht sich wirklich viel besser". Da ratterte endlich der Zug heran, und die Musik spielte.

Die Musik. Germáns kolumbianische Musik, unvergesslich schön. Die Lieder von Garzon y Collazos voller Süsse und Romantik, die ein Land der hochbeladenen Mulis beschreiben, der farbenfrohen Autobusse, der weissen Kirchen und der Bürgerhäuser mit ihren vergitterten schwarzen Balkonen, hinter denen man Frauenaugen vermutet. Die alten Tänze, Joropo, Bambuco und Guabina aus der Kolonialzeit des Hochlandes, weit weg von der Sinnlichkeit der Cumbia in den Hafenstädten.

Germán und ich hatten einen gemeinsamen Freund, Jaime Córdoba aus Calí , Kolumbien, der Architektur studierte und sein Studium ebenso ernst nahm wie die Ehre seiner deutschen Freundin, die er mit Bravour und erfolgreich gegen unerwünschte Avancen sehr viel grösserer und stärkerer deutscher Kommilitonen verteidigte.

Auch Germán hatte eine Freundin, ebenso hübsch wie temperamentvoll, halb Latina, halb Deutsche. Bei einem Stiftungsfest unserer Verbindung tanzte sie recht eng mit verschiedenen Herren. Es war schon spät in der Nacht, als ich Germán auf dem Balkon fand, traurig, wie mir schien. Indiskret frug ich: was machst Du, falls Iris Dich betrügt? Ohne zu zögern sagte er: "Ich werde sie heiraten". Ich war verblüfft. "Ich nehme sie mit nach Popayán , sperre sie in mein Haus, und dann sieht sie mich nie wieder."

Nach der Studienzeit verlor ich Germán aus den Augen, aber in den neunziger Jahren besuchte ich Jaime in Calí . "Du musst hierher ziehen", sagte er, "hier ist das Leben wunderbar. Die schönsten Frauen von Südamerika, gutes Essen und alles, was man braucht. Wir werden uns vergnügen!" Als Architekt war Jaime sehr erfolgreich. "Hier investiert die Drogenmafia. Hier wird gebaut, und sie zahlen gut. Wenn man mit ihnen arbeitet hat man keine Probleme. " Dachte Jaime. Bis er eines Tages von einem Ausflug nach Palmira zurückkam. Die Strasse führt an einem guten Restaurant vorbei und Jaime sagte zu seiner Begleiterin "Lass uns hier essen, ich bin hungrig." Sie wollte nicht, und so fuhren sie nachhause. Als sie ankamen brachte der Fernseher die breaking news: "Bombe im Restaurant an der Strasse nach Palmira. Total zerstört, alle tot. Ein Racheakt wahrscheinlich...."

Ich fragte Jaime nach Germán. "Er ist jung gestorben, wusstest Du nicht? Er war wohl depressiv." Nach dem Studium war Germán heimgekehrt nach Popayán und hatte viel Erfolg als erster Verkünder alternativer Medizin. Seit seinem Tod führt seine kolumbianische Witwe die Praxis und eine Stiftung in seinem Namen weiter, unterstützt von Germáns jüngerem Bruder, der ebenfalls alternative Medizin lehrt und praktiziert.

Also hat er es nicht geschafft. Andere sind Präsident von Kolumbien geworden. Wenn auch nicht Diktator.

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—— Heinrich von Loesch